Vergaservereisung ist das Wetterphänomen, das im Motorraum stattfindet. Sie hat nichts mit Frost zu tun: Der gefährlichste Tag ist mild, feucht und sieht harmlos aus. Und sie kündigt sich nicht an – sie schleicht sich.

Warum sich im Vergaser Eis bildet

Schnitt durch einen Vergaser mit Venturi, Kraftstoffdüse und vereister Drosselklappe

Im Vergaser passieren zwei Dinge gleichzeitig, die beide Wärme kosten. Im Venturi verengt sich der Querschnitt, der Druck fällt, und fallender Druck kühlt die Luft ab. Kurz darauf verdunstet der eingespritzte Kraftstoff und entzieht der Luft weitere Wärme. Zusammen können das 20 bis 30 Grad sein. Ist genug Feuchtigkeit dabei, schlägt sie sich als Eis nieder – zuerst am engsten Spalt, also am Rand der Drosselklappe.

Wann es kritisch wird

Gefahrenbereich für Vergaservereisung nach Außentemperatur und Spread
  • Mild und feucht ist gefährlich, kalt und trocken nicht. Zwischen etwa 0 und 25 Grad mit einem Spread unter 5 Grad liegt der ungemütliche Bereich – der milde Sommermorgen nach einer feuchten Nacht.
  • Geringe Leistung verschärft alles. Bei fast geschlossener Drosselklappe genügt wenig Eis, um den Spalt zuzusetzen. Gleitflug, langer Sinkflug und Platzrunde im Leerlauf sind die kritischen Phasen.
  • Sichtbare Feuchte ist ein Verstärker, keine Voraussetzung. Regen, Dunst und Nebel erhöhen die Gefahr, aber klare Luft mit hoher relativer Feuchte reicht völlig.

Woran man es merkt

  • Festpropeller – die Drehzahl fällt langsam ab, ohne dass jemand etwas verstellt hat. Das ist das erste und oft einzige Zeichen.
  • Verstellpropeller – der Ladedruck fällt, die Drehzahl bleibt zunächst stehen.
  • Danach rauer Lauf, spürbarer Leistungsverlust, im Extremfall Aussetzer bis zum Stillstand.
  • Der Verlauf ist schleichend. Viele merken es erst in dem Moment, in dem sie Gas geben wollen – und genau dann kommt nichts.

Der Rotax 912 gilt als weniger anfällig als ein Continental oder Lycoming, weil die Bing-Vergaser dicht am warmen Motor sitzen. Weniger anfällig heißt nicht unempfindlich, und viele Ultraleichtflugzeuge haben keine wirksame Vergaservorwärmung. Wer keine hat, kann im Ernstfall nur noch Leistung geben und das Gebiet verlassen – deshalb ist bei diesen Mustern die Vermeidung die ganze Strategie.

Was das für einen Flugtag bedeutet

  • Temperatur und Taupunkt vor dem Start ansehen. Beide stehen im METAR. Mild und eng beieinander heißt: heute ist ein Vereisungstag.
  • Vorwärmung ziehen, bevor die Leistung zurückgeht, nicht danach – also vor dem Sinkflug und vor der Platzrunde. Und dann voll, nicht ein bisschen.
  • Es wird kurz schlechter, bevor es besser wird. Das abgetaute Wasser läuft durch den Motor, er läuft für ein paar Sekunden rau. Das ist der Beweis, dass Eis da war – nicht der Grund, die Vorwärmung wieder wegzunehmen.
  • Im langen Gleitflug alle paar Minuten kurz Gas geben. Das hält den Motor warm und verrät dir, ob er noch da ist.
  • Bei langsam fallender Drehzahl zuerst an Vereisung denken, nicht an den Sprit. Der Griff zur Vorwärmung kostet nichts und klärt die Frage in einer halben Minute.

Zum Merken

Vergaservereisung ist ein Schönwetterproblem. Der gefährlichste Tag hat 15 Grad, hohe Luftfeuchte und keine einzige Wolke, die dich warnen würde.